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Luftdichtheitsschicht: Viel Wind um nichts?

Fehlstellen in der Luftdichtheitsschicht haben eine noch höhere Bedeutung!

Problem/Sachverhalt: Einem Bauherrn kommt die Ausführung seines Zwei-Familienwohnhauses in leichtbauweise (dies sind vorgefertigte, geschosshohe Wandelemente in Holzrahmenbauweise mit Dämmung beidseiteiger Bekleidung und Kunststoffbeschichtung außen, ohne Hinterlüftung und mit Holzbalkendecken) spanisch vor. Nach Vorgabe der Lieferfirma sollte die notwendige Luftdichtheit des Niedrigenergiehauses durch die von ihm zu erbringende raumseitige Bekleidung aus Gipskartonplatten gewährleistet werden, die Teil einer zweilagigen Bekleidung mit dazwischenliegender PE-Folie (Dampfbremse) ist. Sämtliche Fugen und Anschlüsse werden elastoplastisch (populär-sprachlich dauerelastisch) ausgeführt. Vereinbart ist laut Bauvertrag als Dichtheit der Gebäudehülle eine Luftwechselrate von 1,5 /h bei 50 Pa Druckunterschied (mit Lüftungsanlage)

Ergebnisse des Ortstermins

Die Bekleidung innen war bereits zum größten Teil aufgebracht, der Estrich war verlegt. Funktionsfähige Anschlüsse der PE-Folien an andere Bauteile, wie Decken, Mittelpfetten, Fenster, Rohrdurchdringungen usw., fehlten gänzlich oder waren unvollständig. Stöße waren nicht verklebt, Überlappungen  besonders in den Ecken waren nicht vorhanden. Die senkrechten offenen Fugen der Gipskartonplatten liefen in den Estrichaufbau hinein, ihre geschnittenen Kanten endeten stumpf vor anderen Bauteilen, die Fugenbreite ging teilweise gegen null. Die Herstellerfirma beharrte darauf, sie schulde nur eine Luftwechselrate von 1,5 /h und damit basta. Außerdem sei man ja güteüberwacht.

Bautechnische Beurteilung

Die Ausführung der Luftdichtheitschicht auf Ebene der gesamten Innenbekleidung mit Hilfe elastoplastischer Massen ist einfach falsch. Möglicherweise werden jetzt einige Kollegen grollen, die eine andere Meinung vertreten. Nur, wenn es um das Risiko möglicher Langzeitschäden zu Lasten des Bestellers geht, gibt es meiner Meinung nach keine Diskussion. Gerade bei hochwärmedämmenden Konstruktionen kommt möglichen Fehlstellen in der Luftdichtheitsschicht eine noch höhere Bedeutung und damit Auswirkung zu.

  • Diese System verzeiht keine Fehlstellen in der raumseitigen Luftsperre, weshalb ich diese Art der Ausführung als wenig fehlertolerant bezeichne.

Wenn Sie einmal gesehen haben, wie sich selbst ein geübter Handwerker mit (noch) Lust für seine Tätigkeit im Zwickel Schrägdach/Innen/Außenwand abmüht, die Luftsperre funktionsfähig herzustellen, werden Sie erkennen, dass Fehlstellen gar nicht zu vermeiden sind. Und die (Spät-) Folgen können durch das wenig fehlertolerante System nicht aufgefangen werden.

  • Einfach ausgedrückt: Dieses System setzt eine fehlerfreie und dauerhaft funktionsfähige Luftsperre voraus. Dies ist auch der rechtliche Rahmen, in den die Beurteilung durch den Sachverständigen – und zwar immer –  eingebunden ist.

Holz und Gipskarton sind zwar in der Fläche dicht – richtig. Doch entstehen zwangsläufig Fugen, Stöße und Durchdringungen. Vor dem Hintergrund dauerhaft funktionsfähig bestehen gerade die elastoplastischen Massen schon alleine vom Material her nicht. Diese verliert die dauerelastischen Fähigkeiten bereits mittelfristig. Und dabei ist noch nicht einmal die Rede von einer richtig ausgeführten Fuge, wie diese das einkopierte Detail aus DIN 18540 – Abdichtungen von Außenwandfugen im Hochbau mit Fugendichtstoffen – zeigt:

Bildquelle: Fachartikel von Dipl.-Ing. Manfred Heinlein; Luftdichtheitsschicht: Viel Wind um nichts!  Fugenausbildung

muss man wissen, dass eine richtige ausgeführte Fuge nur max. ca. 20% ihrer Bewegung aufnehmen kann. Jeder von Ihnen kennt doch die mit der Fingerkuppe hingehuschten elastoplastischenAlibifügchen“ in diversen Bereichen, die sich irgendwann einmal im Wischlappen wieder finden. Diese haften kurzzeitig kraftschlüssig an zwei Flanken, haben also gar keine Möglichkeit irgendwelche Bewegungen aufzunehmen. Und Sie glauben nicht welche Bewegungen in derartig zusammengesetzten vorgefertigten Gebäudeteilen entstehen. Zu den dynamischen Bewegungen kommen Schwindspannungen, denn Kantholz schwindet in der Hauptsache quer zur Faser, auch wenn es kammergetrocknet ist. Das Schwinden geschieht in der Hauptsache in der Holzzelle und dies ist weder zeitlich noch technisch beeinflussbar. Hinzu kommt das Schwinden der Holzwerkstoff- und Gipskartonplatten zu ihrem Flächenmittelpunkt hin. Denken Sie mal an Gipskarton-Bekleidungen im Dachgeschoss mit den bekannten, weil gerissenen und klaffenden Randfugen.

  • Und wie bitte soll ein Fugendichtstoff an der geschnittenen Kante der Gipskartonplatte anhaften?

Keine Möglichkeit, es sei denn, es wäre eine Art Kante in Form eines Metallwinkels eingespachtelt worden. Tut nur niemand, weil zu teuer. Sehen Sie, und hier liegt das nächste Problem: Selbst bei richtig ausgeführten Fugen ohne Fehlerquote kommt es irgendwann zu deren Versagen. Und damit zum Versagen der Luftdichtheitsschicht.

Diese Fehlstellen erzeugen dann meist unbemerkt nach vielen Jahren den Bauschaden: Feuchtwarme Luft dringt konvektorisch in den Wand- bzw. Dachaufbau ein, kondensiert im Taupunktbereich und be- bzw. durchfeuchtet die Dämmung und die anliegenden Holzbauteile. Das Austrocknen nach außen ist dort aufgrund der hier verwendeten Kunststoffbeschichtung zumindest stark behindert. Und jeder von uns weiß was Holz macht, dass mit Feuchtigkeit in Berührung kommt und nicht austrocknen kann: Es beginnt der Zersetzungsprozess, es verfault unbemerkt.

Hätten wir jetzt ein fehlertolerantes, weil hinterlüftetes, trocknendes System, wäre dies alles kein (großes) Problem. Haben wir aber nicht. Vor diesem Hintergrund ist daher möglichen (Einzel-) Fehlstellen größte Aufmerksamkeit zu widmen.  Als Größenordnung sei hier genannt: Konvektorisch gelangt 3000-mal mehr Feuchtigkeit in die Gebäudehülle als durch Diffusion (gegen die ja die Dampfbremse schützen soll). Sie verstehen, warum die Luftwechselrate für mich erst an zweiter Stelle kommt und nicht das eigentliche Kriterium sein kann? Einige wenige Einzelfehlstellen fallen messtechnisch gar nicht ins Gewicht, der Wert wird erfüllt. Nur tun sie dies nach längerer Zeit dann umso mehr, und zwar im Geldbeutel des Bestellers oder des späteren Käufers.

Fehlerbeseitigung

Frage ist: Wie dies jetzt sanieren? Nun ja, Rückbau bis auf die Ebene der PE-Folie. Ergänzen der Folie. Verkleben der Überlappungen/Stöße und Herstellen von regelgerechten Anschlüssen an andere Bauteile. Dies alles mit Klebebändern. Kritische Punkte bleiben aber in die in die Außenwände einbindenden Deckenelemente, die so immer noch nicht angeschlossen werden können. Kurzum: Wir brauchen eine luftdichte Gebäudehülle. Dass der Wärmeverlust durch eine undichte Gebäudehülle auch noch eine Rolle spielt, sei der Vollständigkeit halber erwähnt, wird jedoch hier nicht weiter beachtet.

Rechtliche Bewertung

Nach dem Grundsatz der richtigen und dauerhaft funktionsfähigen Ausführung wurde gegen die DIN 4108 Wärmeschutz und Energie-Einsparung in Gebäuden in den Teilen 2 und 7, Beiblatt 2 verstoßen. Gefragt ist der Planer, denn eine dauerhaft funktionsfähige Luftdichtheitsschicht muss geplant werden. Hier kann nichts dem Zufall überlassen bleiben. Dabei erinnere ich mich an den Ausspruch: Die Planung ersetzt den Zufall durch den Irrtum. Sol sollte es doch nicht sein. Noch etwas zur Luftwechlselrate: Ist keine Lüftungsanlage eingebaut, liegt die Obergrenze bei 3 /h. Dies ist aber ein ca. 11 Jahre alter Wert. Sich auf diesen zu berufen, halte ich ebenso für falsch. Denn die Entwicklung, insbesondere der Klebebänder macht Fortschritte, ein Wert um die 1-1,5 /h ist erreichbar und kann auch erwartet werden. Viel Wind also um die Luftwechselrate? Ja, denn selbst eine eingehaltene Luftwechselrate schützt nicht vor Schäden! Sachverständiger Dipl. Ing. Manfred Heinlein, Architekt, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Schäden an Gebäuden- Bamberg; Dieser Artikel ist ebenso in der Fachzeitschrift IBR veröffentlicht.  Textquelle: www.sv-heinlein.de       

Bildquelle: Fachartikel von Dipl.-Ing. Manfred Heinlein; Bild –  Anschluss Wand/Dach/Mittelpfette
Bildquelle: Fachartikel von Dipl.-Ing. Manfred Heinlein; Eingehaltene Luftwechselrate – wären Sie zufrieden?
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2 Gedanken zu „Luftdichtheitsschicht: Viel Wind um nichts?

  1. Günther Nussbaum-Sekora says:  

    lieber souri: nein der Beitrag handelt um die luftdichtheitsebene innen, also raumseitig, natürlich muss eine Fassade nicht unbedingt hinterlüftet ausgeführt werden, aber abhängig vom wandaufbau allgemein. wird außen eine dichtere schichte angebracht als warmseitig wird eine hinterlüftung nötig werden. ein wärmedämmverbundsystem darf natürlich nicht hinterlüftet werden. eine gedämmte vorsatzschale wiederum schon. so einfach läßt sich das in gebotener kürze nicht darstellen.

    lieber kollege heinlein: danke für die klaren Worte auch zur n50-luftwechselzahl 3,0!!! das ist zwar immer noch Baurecht, aber technisch wirklich Schnee von gestern. wer n50=3,0/h1 erreicht und dann auch noch stolz darauf ist hat nicht verstanden. da sind bauschädliche luftundichtheiten mit 99%iger Sicherheit anzunehmen. der luftdichtheitsprüfer der dazu seinen sanktus und Zertifikat gibt sollte den beruf wechseln.

    mfg günther nussbaum-sekora


  2. aus dem artikel raus lese ich jetzt, dass es optimal wäre immer eine hinterlüftete fassade einzuplanen??? auch bei solchen fertigteilen? wenn ja, wie stelle ich eine solche fassade dann her? was für normen gibt es hiezu????
    btw. vorigen kommentar bitte löschen 🙂

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