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Schutz gegen Kleintiere!

Der Winter kommt bestimmt und damit die Zeit, wenn Mäuse oder Insekten noch heftiger in unsere Häuser drängen! 

Besonders Häuser in Waldrandlage oder in der Nähe von Feldern sind oft betroffen. Wenn Mäuse oder Marder Dämmlagen verschieben oder ihr Futter zerlegen, kommt es zunächst einmal zu Geräuschbelästigungen. Doch dabei bleibt es meist nicht. Es werden Kabel, Dampfbremsen und Dämmlagen zerstört, schlussendlich entsteht durch verwesende Kadaverreste ein Geruchs und Hygieneproblem. Besonders wenn das Haus allein auf weiter Flur steht, helfen Vergrämungsversuche durch Ultraschall und Geruch sowie Fallen oft nur wenig. Das einzig probate Mittel gegen einen Befall: Alle Ein- und Ausgänge verschließen! Normativ gibt es aber die Anforderung „dicht gegen Kleintierbefall“ nicht. Einen Schutz gegen Ameisenbefall darf man sich den Regelwerken entsprechend schon gar nicht erwarten. Bei Ameisen bleibt nur der gute Rat, bei Waldnähe auch das Perimeterdämmsystem zumindest einen Meter unter die Erde mit Dichtspachtelung zu verschließen. Dennoch ist nahezu jeder Schadensfall auf Ausführungsfehler zurückzuführen. Marder kommen über das Dach, schlüpfen unter die Dachdeckung und fressen sich durch die darunter liegende Unterspannbahn.
Daher die Empfehlung, auch bei nicht ausgebauten Dachböden jedenfalls eine Bretterschalung mit entsprechend winddichtem Unterdach auszubilden – d. h. alle Durchdringungen wie Kamine und Abluftrohre sauber anarbeiten und abdichten.

  • Der Kampf gegen Marder

Das Gitter im Dachtraufenbereich darf mit Absicht nur „Vogelschutzgitter“ genannt werden. Den Begriff „Insektenschutzgitter“ gibt es normativ nicht. Schon deswegen, weil man keine „Insektendichtheit“ implizieren möchte. Ergo: Die Dachhaut ist niemals richtig geschlossen, für einen Marder ist es auch kein Problem, einen Dachziegel anzuheben, um in den Dachraum zu gelangen. Durch die Bretterschalung kommt er nicht. Bei Mäusen ist das schon schwieriger – sie können sich durch die Schalungsbahn nagen und bei den Bretterspalten in den Dachraum gelangen. Das lässt sich lösen, indem plattenförmige Unterdachelemente Verwendung finden. Diese können fugenfrei und damit dicht gegen Kleinsttiere verarbeitet werden.
Es bleibt jedoch eine große Schwachstelle: das Wärmedämmverbundsystem. Wer sich nicht für eine verputzte Massivziegelwand entschieden hat, landet in der Regel bei einer Fassadendämmung. Es besteht dabei kaum ein Unterschied zwischen einer hinterlüfteten Fassade oder einem verputzen Wärmedämmverbundsystem. Bei der vorgesetzten Fassadenschale bleibt analog zum Dach die Empfehlung, nicht nur Windbremsen, sondern plattenförmige Funktionsebenen zu verarbeiten. Eine dünne Folie allein ist schnell durchgebissen. Eine plattenförmige Funktionsebene (OSB-Platten, Holzwerkstoffplatten etc.) muss nur noch bei den An- und Abschlüssen sauber gelöst werden – detto das verputzte Wärmedämmverbundsystem. Aus wirtschaftlichen Gründen wird in der Regel mit Polystyrol-Hartschaumplatten gedämmt. Dabei wird der Kleber mit der Rand-Wulst-Punkt-Methode auf die Wand aufgetragen. Die normative Forderung: Mindestens 40 % Flächenanteil müssen mit Kleber abgedeckt werden.

  • Die Wischi-Waschi-Norm

Normativ beschäftigt man sich mit Begriffen wie Brandschutz, Schallschutz, Wärmeschutz und Stoßfestigkeit. Dazu zählen die Schlagregendichtheit, der Feuchteschutz im Perimeterbereich und die Winddichtheit. Die kleinen Tierchen finden keine Erwähnung.
Zu Recht?
Leider Nein. Die Normen und Richtlinien sprechen zwar davon, dass Konvektion – also Luftströmung zwischen Dämmplatten – verhindert werden muss, aber es folgt der Zusatz „weitestgehend“. Vielen Dank für diese Wischi-Waschi-Formulierung, die so viel bedeutet wie „keine 100 %“. Und so ist es dann auch. Der Verarbeiter streicht den Kleber am Plattenrand mit der Kelle abgeschrägt auf. Linke Dämmplatte, schräger Kleberauftrag, rechte Dämmplatte schräg … und fertig ist ein wunderbarer Tunnel für Insekten und Mäuse.
Jetzt könnte man einwenden, dass eine WDVS  im unteren Bereich sowieso abgeschlossen und mit einem Feuchteschutz verspachtelt werden muss. Da kann also kein Tier hinein. Ja, aber die Normen greifen nicht mehr im Bereich der Perimeterdämmung. Die Keller- oder Bodenplattendämmung bleibt offen, sie muss gar nicht mehr verspachtelt oder unten abgeschlossen werden. Da gibt es haufenweise Fugen und damit jede Menge Chancen für unerbetenen Besuch. Die oft falsche und normwidrig völlig offene Ausführung aus der Baupraxis – siehe Bilder – soll hier nur am Rande erwähnt werden. Der „Normschaden“ ist das Thema.

  • Zauberwort „vollflächig“

Verbesserungsvorschlag zur nächsten Norm: Einfach die erste Dämmplattenreihe im unteren Bereich vollflächig auf den Untergrund kleben. Damit würde ein Wärmedämmverbundsystem einen Schritt näher in Richtung fehlerverzeihendes System machen. Die vollflächige Verklebung im „Floating-Buttering-Verfahren“ wird vorerst nur in einer Richtlinie und da nur im oberen Dachanschlussbereich empfohlen. Oder positiv formuliert: Im Sinne des Tierschutzes ist es normativ erlaubt, dass Dämmsysteme von Mäusen befallen werden!

Autor: Bausachverständiger Günther Nussbaum
Artikel wurde im Fachmagazin – SOLID NR. 11 | NOV. 2013 veröffentlicht, Link zur Ursprungsquelle des Artikels

 

 

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