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Auf dem Weg zur Einführung eines Schallschutzausweises in Österreich!

Der IBO ÖKOPASS, Version 5.0 übernimmt als erstes Gebäudebewertungssystem in Österreich die Einstufung der neuen ÖNORM B 8115-5 und bietet damit eine noch höhere Sicherheit bezüglich der einwandfreien schallschutztechnischen Eigenschaften von Wohnungen.

Lärm als allgegenwärtiges Problem Gerade im Wohnumfeld als Rückzugs- und Erholungsort reagieren wir besonders sensibel auf Störgeräusche aus der Umgebung: Verkehrs- oder Baustellenlärm, laute Gespräche, die vom Schanigarten auf der Straße zu später Stunde ins Schlafzimmer dringen, Menschenansammlungen auf Freizeitplätzen, tiefe Bässe einer Musikanlage, die im ganzen Haus wahrnehmbar sind, Bohrgeräusche beim Neueinzug eines Nachbarn, Sesselrücken oder Gehgeräusche von oben, … Lärm wird in vielen Gesetzestexten als „unerwünschter Schall“ de?niert, oder – wie es Kurt Tucholsky prägnant formulierte „Lärm ist das Geräusch der anderen“.

Die Toleranzgrenze kann je nach Lärmquelle, Pegel,  Geräuschart  und  Frequenzzusammensetzung, Häufgkeit und Dauer des Geräusches sowie Tageszeit und persönlicher Verfassung sehr unterschiedlich  ausfallen.  In  der  Bauakustik spricht man von Tonhaltigkeit (einzelne tonale Komponenten  erhöhen  die  wahrgenommene Lautstärke, wie Quietschen) und Impulshaltigkeit (Geräusche mit starken Pegeländerungen wie Hämmern werden als unangenehmer empfunden als Geräusche mit konstanter oder gleichmäßiger Lautstärke). Auch soziokulturelle und sehr individuelle, persönliche Bewertungen spielen bei der Einstufung, was als Lärm und was als angenehmes Geräusch (ggf. Musik) empfunden wird, eine wesentliche Rolle. Lärmbelästigung auf Dauer macht krank und führt zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Die meisten Mieterbeschwerden im mehrgeschoßigen Wohnbau sind auf Lärmbelästigung aus Nachbarwohnungen oder unzureichende Abschirmung von Außenlärm zurückzuführen. Umso wichtiger ist eine klare Einstufung der schallschutztechnischen Eigenschaften eines Gebäudes, die insbesondere Körperschallanregung sowie tiefe Frequenzen (Klopfgeräusche durch Stöckelschuhe, tiefes Brummen etc.) differenziert berücksichtigt.

  • Der neue Teil 5 der ÖN B 8115 definiert Schallschutzklassen A bis E

Seit April 2012 liegt mit der ÖN B 8115-5 erstmals in Österreich eine Klassi?zierung des Luftschall und Trittschallschutzes im Gebäudeinneren sowie  des Schallschutzes haustechnischer Anlagen vor. Mit dem Klassifzierungsteil der ÖNORM B 8115 ist der Weg für die Einführung eines SchallschutzAusweises für Bauwerke geebnet. Dieser dient zur Information über die erreichte Schallschutzklasse eines Gebäudes oder einer Nutzungseinheit bzw. eines Raumes. Die Einstufung reicht in Anlehnung an die (ursprünglichen) Energieef?zienzklassen des Energieausweises oder energieefizienter Geräte  von A bis E. A bedeutet „hoher Komfort“; E bedeutet „sehr gering“ bzw. „keine Schallschutzklasse festgestellt“. Die Klasse C stellt dabei das Mindestanforderungsniveau für Neubauten gemäß ÖN B 8115-2 dar, wie sie in den meisten österreichischen länderspezifschen Bauordnungen als Mindestanforderungen defniert sind. Die Sonderklasse CR defniert den besonderen Mindestschallschutz für neuerrichtete Reihenhäuser. Grundsätzlich ist mit der Reichweite der Klassifzierung von A bis E sowohl eine Neubau- als auch Bestandsbewertung möglich.

Die Anforderungen wurden entsprechend unterschiedlicher Schutzniveaus defniert, die einerseits Aktivitäten mit höherer Schallemission (z.B. aktives Musizieren, Sound aus Multimediaanlagen etc.) als auch besondere Störgeräusche aus benachbarten Einheiten berücksichtigen. Grundsätzlich soll mit diesem Instrumentarium auch für nicht sachkundige KonsumentInnen Klarheit  und  Transparenz  in  der  Beurteilung  der schallschutztechnischen Qualität einer Wohn oder Nutzungseinheit geschaffen werden. Die Angabe der erreichten Schallschutzklasse ist derzeit noch eine freiwillige Angabe, sie ist aber bereits jetzt bestens für eine Einstufung in Gebäudebewertungssystemen oder für die Immobilienbewertung geeignet.

Für die Schallschutzklassen A und B, die insbesondere die niederfrequenten Anteile bei der Luft- und  Trittschalldämmung  über  entsprechende Spektrumanpassungswerte berücksichtigen, ist ein detaillierter Berechnungsnachweis in der Planungsphase nicht möglich. Erst mit Messungen vor Ort kann eine Klassi?zierung gem. ÖN B 8115- 5 erfolgen. Zu den damit verbundenen erhöhten Anforderungen an die Messbedingungen auf der Baustelle wird in einem späteren Abschnitt noch eingegangen.

  • Schallschutzbewertung im IBO ÖKOPASS V5.0

Die bauakustische Bewertung eines Wohngebäudes im IBO ÖKOPASS setzt sich aus vier Teilen zusammen:

  1. der Beurteilung des Außenlärmpegels,
  2. der Abschirmung dieses Lärmpegels durch die Fassade bzw. sonstige lärmmindernde Maßnahmen wie Lärmschutzwände, Laubengangerschließung an lärmbelasteten Fassadenseiten oder optimale Grundrissanordnung. Gemessen wird der Erfolg dieser Maßnahmen über den Innengeräuschpegel im Nutzungszustand,
  3. der Beurteilung des Luftschall- und
  4. des Trittschallschutzes von Trennbauteilen zwischen Nutzungseinheiten.

Von Luftschall wird dann gesprochen, wenn eine Lärmquelle die Luft zu Schwingungen anregt (z.B. bei Gesprächen, bei Radio-, Telefon-, Fernsehgeräuschen,…). Der Luftschallschutz von Bauteilen wird durch eine Differenzmessung der Schallpegel in den untersuchten Räumen bestimmt und als Standard-Schallpegeldifferenz DnT,w angegeben: je größer DnT,w umso besser ist der Luftschallschutz der Trennbauteile (z.B. Decken oder Wände). Mit der IBO ÖKOPASS Version 5.0 werden in den höheren Bewertungsklassen „ausgezeichnet“, „sehr gut“ und „gut“ die tiefen Frequenzen durch die Verwendung des Spektrumanpassungswertes C50-3150 mitberücksichtigt. Die Messung erfolgt gemäß ÖN EN ISO 140-4. Trittschall entsteht durch Schritte, Klopfen, den Betrieb von Haushaltsgeräten (z.B. Waschmaschinen) u.Ä.. Die Schallenergie wird vom betroffenen Bauteil aufgenommen, regt diesen zur Schwingung an und wird als Luftschall wieder abgestrahlt. Die Messung des Trittschallschutzes von Bauteilen erfolgt über ein Normhammerwerk, das fünf Hämmer mit einer Masse von je 500 g aus 4 cm Höhe frei fallen lässt. Jeder Hammer führt zwei Schläge pro Sekunde durch.

Das Hammerwerk simuliert bei der Messung die Anregung des Fussbodens durch Begehen. Im Unterschied zur Luftschallschutzbewertung wird nicht die Differenz, sondern der gemessene Pegel im darunter- oder danebenliegenden Raum eingestuft. Aus dem in Abhängigkeit von der Frequenz ermittelten Norm-Trittschallpegel wird durch Vergleich mit einer in ISO 717-2 genormten Bezugsdecke und Berücksichtigung der Nachhallzeit im Empfangsraum eine Einzahlangabe errechnet, der bewertete Standard-Trittschallpegel L‘nT,w.

Je kleiner L‘nT,w – also je kleiner der Schallpegel im zu schützenden Raum ist –, umso besser ist der Trittschallschutz. Zur Berücksichtigung typischer Gehgeräusche  werden  Spektrum-Anpassungswerte  für Gehen CI und sowie CI,50-2500 angeführt. In der ÖN 8115-5 wird die zu erwartende subjektive Emp?ndung des Trittschallschutzes zwischen Räumen bei normalem Gehen oder Kinderlaufen/Barfußgehen differenziert für die verschiedenen Klassen (A bis D) eingestuft (fast unhörbar bis deutlich hörbar). Die Trittschallschutz-Messungen erfolgen gemäß ÖN EN ISO 140-7.

 Bildquelle: IBO GmbH; Tab1 – Änderungen der IBO ÖKOPASS-Einstufungen Trittschallschutz V4.0 und V5.0
Bildquelle: IBO GmbH; Abb1 – Vergleich der Bewertungsergebnisse von Luftschallschutzmessungen

In die Klassifzierung der ÖN B 8115-5 wird auch der Schallschutz für haustechnische Anlagen mit einbezogen, der Geräusche von Aufzügen, Pumpen, Heizanlagen, WC-Spülungen etc. berücksichtigt. Mit Ausnahme des energieäquivalenten Dauerschallpegels verursacht durch den Dauerbetrieb von Lüftungsanlagen in Schlafräumen werden im Rahmen des IBO ÖKOPASS V 5.0 Störgeräusche ausgelöst durch Haustechnikanlagen derzeit nicht erfasst. Der Grund liegt im Zeitpunkt der Ausstellung der IBO ÖKOPASS-Endbewertung, die meist noch vor vollständiger Abnahme aller HKLS-Anlagen erfolgt. Eine Erweiterung der messtechnischen Evaluierung im Nutzungszustand, die auch intermittierende (d.h. nur kurzzeitig, zufällig auftretende) Geräusche erfasst, wäre wünschenswert und für eine IBO ÖKOPASS-Erweiterung, die Richtung Post Occupancy Evaluation geht, denkbar.

  • Auswirkungen der neuen Klassifizierungen auf die IBO ÖKOPASS-Bewertung

Zur Evaluierung, wie sich die Einstufung mit dem neuen IBO ÖKOPASS Version 5.0 verändert, wurden 66 Luftschall- und 43 Trittschallschutzmessungen herangezogen und sowohl nach den Kriterien der IBO ÖKOPASS Version 4.0 als auch 5.0 bewertet.

Luftschallschutz

Wie in der Tabelle 1 ersichtlich muss lt. ÖNORM B 8115-5:2012 ab der Schallschutzklasse B (Komfort) bereits eine Erfassung der tiefen Frequenzbereiche erfolgen. Die Anforderungen an die Schallschutzklasse „Standard“ haben sich nicht verändert und entsprechen einem „befriedigend“ in den Ökopässen Version 4.0 und 5.0. Die Abbildung 1 zeigt, dass die mit „ausgezeichnet“ und „sehr gut“ bewerteten Bauteile stark abnehmen, während die Messergebnisse, die ein „gut“ (Klasse B nach ÖN B 8115-5) erzielen, deutlich zunehmen.

Bildquelle: IBO GmbH; Tab2 – Änderungen der IBO ÖKOPASS-Einstufungen Trittschallschutz V4.0 und V5.0
Bildquelle: IBO GmbH; Abb2 – Vergleich der Bewertungsergebnisse von Trittschallschutzmessungen
  • Trittschallschutz

Als Verschärfung zur alten Messanordnung müssen neben dem L‘nT,w  je nach Schallschutzklasse auch die Summenwerte inkl. Berücksichtigung der Spektrumanpassungswerte (CI.bzw. CI,50-2500) eingehalten werden. Nur bei Einhaltung aller angeführten Grenzwerte ist eine Einstufung in die jeweilige Schallschutzklasse zulässig.-Wie  auch  beim  Luftschallschutz  hat  sich  die Schallschutzklasse „Befriedigend“ nach IBO ÖKO-PASS nicht verändert und entspricht dem Mindestanforderungsniveau für Neubauten.

Aus der Abbildung 2 ist zu entnehmen, dass hier  vor allem die mit „ausgezeichnet“ bewerteten Bauteile stark abnehmen. Im Gegensatz zum Luftschallschutz fallen nach der Bewertung im IBO Ökopass Version 5.0 mehr als doppelt so viele Messungen in die Klasse „sehr gut“. In die Klasse „gut“ fallen 42 % und die Klasse „befriedigend“ 16,3 % aller Bewertungen. Beim Trittschallschutz konnten immerhin noch 11,6 % der ausgewerteten Ergebnisse im Ökopass V 5.0 ein „ausgezeichnet“ erzielen.

Herausforderungen und Probleme bei Messungen Im Rahmen des IBO ÖKOASS-Messprogramms wird versucht, die Schallmessungen so früh als möglich (nach Aushärtung des Estrichs und vor Bodenverlegearbeiten)  durchzuführen,  damit Schwachstellen frühzeitig identi?ziert und entsprechende Gegenmaßnahmen getroffen werden können. Oft sind auf den Baustellen zu diesem Zeitpunkt noch „lärmintensive“ Tätigkeiten im Gange, was zu erschwerten Messbedingungen führt. Mit der zusätzlichen Anforderung, auch tiefe Frequenzen zu erfassen, fallen störende Schallquellen wie z.B. Dieselaggregate, Bagger,  Walzen, große Baumaschinen und Malerpumpen, die auch noch aus weiter Entfernung von den Messgeräten deutlich wahrgenommen werden, besonders auf. Es ist nicht immer möglich alle Störquellen zu eliminieren, was zu zeitintensiven Messungen oder sogar zum Abbruch der Messung führen kann. Ein Ausweichen in die Abendstunden oder die Durchführung der Messungen am Wochenende bringt hier eine wesentliche Verbesserung im Messablauf. Eine systematische Auswertung von Baukonstruktionen mit besonders guten Schallschutzklasse?zierungen wird im Zuge weiterer Evaluierungen durchgeführt werden. Autoren: Maria Fellner, Rudolf Bintinger, Markus Wurm; Textquelle: IBO-Magazin; IBO GmbH

PDF/Artikel zum Download – Auf dem Weg zur Einführung eines Schallschutzausweises in Österreich! – Österreichisches Institut für Baubiologie & Bauökologie

 

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