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Haltet die Luft an!

Raumlüftung. Die Wahrheit über die einzige sinnvolle Lösung gegen Schimmelbefall.

Schimmelpilzbefall hat in unseren Wohnungen nichts verloren, doch erhöht sich die Zahl der Betroffenen von Jahr zu Jahr. Trotz immer „besserer“ Bauweise! Wir erhöhen den Wassergehalt unserer Raumluft durch Schwitzen, Waschen, Kochen und Atmen sowie dadurch, dass wir zeitweise Baufeuchte aus Innenputzen, Nassestrichen und dergleichen einbringen. Dieser erhöhte Wassergehalt wird aber durch immer dichtere Bauweisen immer weniger aus unseren Räumen rasch wieder abgeführt.

Schaden geht weit übers Messbare hinaus
Welcher volkswirtschaftliche Schaden durch Schimmel und Pilzbefall und daraus entstehende Erkrankungen der Atemwege, Allergien und Streitereien jährlich entsteht, lässt sich gar nicht bemessen. Durch die Fensterlüftung reduziert man den Wassergehalt der Raumluft. Aber man kann und soll ja nicht ständig Fenster aufreißen. Das Märchen von den atmenden Wänden ist seit der DIN 4108 aus 1952 widerlegt.
Die Energiekrise 1973 hat für das Verschwinden der gar nicht so schlechten Fensterfalzlüftungen gesorgt. Die Lüftungswärmeverluste mussten reduziert werden, die Gebäudehülle wurde immer dichter, die Raumluft immer schlechter. Bis heute werden oft völlig unsinnige Anweisungen den Miet- und Kaufverträgen beigelegt wie: „Stoßlüften Sie 3–4 x täglich für mindestens 3–5 Minuten. Nachdem winterlich und in Wohnhausanlagen die Feuchteanreicherung der Raumluft auch bei Abwesenheit der Bewohner nicht aufzuhalten ist, müsste demnach jemand für die Lüftungsvorgänge abgestellt werden
– absurd.
Analog ist dazu der weit verbreitete Irrtum zur vermeintlich bösen Kipplüftung zu bewerten. Wer Fenster in der Kippstellung öffnet, macht sich heutzutage fast schon strafbar. Zumindest wenn es nach den diversen Bedienungsanleitungen für Wohnhäuser geht. Dabei ist es genau die Stoßlüftung, die viele Bewohner in die Sackgasse führt. Jedenfalls in Wohnungen mit nur einseitig angeordneten Fenstern kann das nicht funktionieren.
Das allermeiste Wasser in einer Wohnung ist in den Oberflächen gebunden. Der Anteil von Wasser in der Raumluft beträgt – je nach Wasseraufnahmefähigkeit der Oberflächen – nur 25–50 %!
Es darf daher nicht wundern wenn 30 Minuten nach der Stoßlüftung die trockene Luft wieder Nachschub aus feuchten Tapeten und textilen Oberflächen erhält. Der schlechte Ruf der Kipplüftung stammt vermutlich aus einer Zeit der schlecht gedämmten Gebäudehüllen. Wer das Fenster zu lange in der Kippstellung hielt, riskierte eine starke Oberflächenabkühlung, Kondenswasser und in Folge Schimmelbefall. Aber die Kipplüftung sorgt für eine geringe, aber permanente Frischluftzufuhr. Zumindest wenn man sich über eine Spaltlüftungsstellung freuen darf. Einfach ausprobieren. Griffolive im 45°-Winkel nach oben stellen. Wenn es klappt, öffnet das Fenster in einem 1–2-cm-Spalt.

Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben
Das Normklima nach ÖNORM B8110-4, Beiblatt 2 ist bei permanenter Belüftung plötzlich problemlos erreichbar. Schimmel ade. Bei max. 55 % relativer Luftfeuchtigkeit, bei 22 °C Raumtemperatur und 0 °C Außentemperatur gibt es in der Regel we- der Kondenswasser noch Schimmelbefall. Ein permanenter, hygienischer Mindestluftwechsel mit der Außenluft von 0,5 pro Stunde – bei natürlichem Differenzdruck – kann damit locker erreicht werden. Bei geschlossenen Fenstern kann man nur mit 0,1 Luftwechsel rechnen. Zu wenig zum Überleben, zu viel zum Sterben.
Das Dilemma: Die baurechtlichen Vorgaben beschreiben zwar eine immer besser gedämmte und dichtere Gebäudehülle. Aber um die Raumluft macht man sich offensichtlich kaum Sorgen.
Bei Wohnhausanlagen ergibt sich ein zusätzliches Problem. Die Dämmung der im Fußboden verlegten Heißwasserleitungen ist unzureichend. Die hohen Leitungswärmeverluste beheizen die Räume unkontrollierbar. Die wichtigen Heizkörper unter den Fenstern bleiben immer öfter abgedreht. Speziell bei immer besser gedämmten Gebäudehüllen. Was zur fatalen Abkühlung der Außenbauteile führt, trotz warmer Raumtemperaturen!

Der Weg heißt „zwingendebauseitige Wohnraumbelüftung“
Mitnichten! Wenn es der Gesetzgeber schafft, zumindest für Wohnhausanlagen zwingend Wohnraumlüftungen vorzuschreiben. In Deutschland gibt es zu diesem Thema bereits eine weitverbreitete Expertenmeinung. Dazu auszugsweise aus einem Rechtsgutachten
(2002, Dietmar Lampe): „Eine Wohnung muss so beschaffen sein, dass bei einem üblichen Wohnverhalten die erforderliche Raumluftqualität ohne besondere Lüftungsmaßnahme gewährleistet ist.“

Für 2020 fordert die EU-Gebäuderichtlinie das „Nearly-zero-Energie“- Haus. Spätestens dann werden Bewohner auch in Wohnhausanlagen in den Genuss einer Wohnraumlüftung kommen. Dann wird es aber immer noch genügend Stoff für Konflikte geben. Eine aktuelle Studie zeigt zwar, dass die Raumluft durch Wohnraumlüftungen wesentlich verbessert wird, aber auch nur da, wo Luftleitungen fachgerecht verlegt werden, also nicht überall …

Autor: Bausachverständiger Günther Nussbaum
Veröffentlicht in der Fachzeitschrift SOLID – Wirtschaft und Technik am Bau – Nr. 07/08 2014

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